Problemstellung
Der Hochvogel ist ein freistehender, pyramidenförmiger Gipfel aus Hauptdolomit der Obertrias in den Nördlichen Kalkalpen. Der Gipfelblock ist stark zerklüftet, und ein Mergelhorizont nahe der Basis bildet eine potenzielle Gleitfläche. Die Hauptspalte am Gipfel wurde erstmals 1869 beschrieben (Barth, 1874). Heute ist sie bis zu sechs Meter breit und reicht mindestens sechzig Meter in den Berg hinein. Das instabile Volumen wird auf bis zu 260.000 m³ geschätzt (Leinauer et al., 2020). Versagt der Hang unterhalb des Mergelhorizonts, steigt es auf 400.000 bis 600.000 m³. Die Masse befindet sich in einer Kriechphase und bewegt sich im Mittel etwa 2 mm pro Monat (Leinauer et al., 2024).
Die Steinschlagaktivität in der Südwestwand ist dauerhaft hoch. Zwischen 2010 und 2020 wurden über 600 Ereignisse mit mehr als 1 m³ nachgewiesen, darunter ein mehrphasiger Felssturz im Jahr 2016 mit über 130.000 m³ (Barbosa et al., 2024). Der Bäumenheimer Weg auf der Südseite ist seit 2014 gesperrt (Deutscher Alpenverein, 2017). Das Weittal unterhalb der Wand ist der Auslaufbereich künftiger Ereignisse.
Wie sich eine solche Instabilität entwickelt, zeigt sich oft unmittelbar an der Steinschlagaktivität. Laserscanning und Photogrammmetrie liefern zwar die Volumina, aber keine zeitliche Auflösung. Und sie beruhen meist auf manuellen Messungen vor Ort. Für eine dauerhafte Installation sind die Bedingungen hart. Der Gipfel ist nur über einen langen Aufstieg oder per Helikopter erreichbar, eine Straße oder ein Anschluss an das Stromnetz existiert nicht. Im Winter fallen die Temperaturen unter minus zwanzig Grad. Der exponierte Gipfel wird in den Sommermonaten regelmäßig von Blitzen getroffen, und direkte Einschläge haben frühere Installationen wiederholt zerstört.
Lösung
Das Monitoring begann 2025 mit einer geophonbasierten Seismikstation auf einem Grat unterhalb der Südwestwand. Ziel war es, Steinschläge im Moment ihres Auftretens zu erfassen, statt sie im Nachhinein zu rekonstruieren. Kalibriert wurde die Station mit einer Serie kontrollierter Steinschlagversuche. Es werden zuverlässig auch kleine Steinschläge bis zu einer Distanz von rund 200 Metern erfasst (Wassmann, 2025).
Noch in derselben Saison wurde die Installation um zwei Inform@Risk-Knoten von AlpGeotech am Gipfel erweitert. Neben den integrierten Sensoren ist an einen der Knoten zusätzlich ein Crackmeter angeschlossen. Er misst die Öffnungsrate einer Spalte im Gipfelbereich und verbindet so die seismisch erfassten Steinschläge mit der Deformation im Gipfelbereich. 2026 kam eine zweite Seismikstation dazu, diesmal mit drei Geophonen: eines vertikal, eines nach Norden, eines nach Osten. Damit wird das Wellenfeld richtungsabhängig erfasst. Steinschläge lassen sich dadurch klarer von Erdbeben und anthropogenen Störsignalen trennen, und zusammen mit der ersten Station lässt sich die Position eines Ereignisses deutlich besser eingrenzen.
Der Lehrstuhl für Hangbewegungen beobachtet den Hochvogel seit über einem Jahrzehnt mit verschiedenen Messverfahren (Leinauer et al., 2020). Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten. AlpGeotech testet seine Produkte unter Bedingungen, die sich im Labor nicht nachstellen lassen, und die Universität erhält zusätzliche Daten für ihre Forschung. Gleichzeitig ergänzen sich hier die verschiedenen Monitoring Methoden. Steinschläge an der Steilwand werden durch gemeinsam durchgeführte Laser Scan Epochen und Auswertungen einer Deformationskamera katalogisiert. Die seismischen Daten wiederum enthalten die genaue zeitliche Auflösung der Ereignisse, was die anderen Verfahren nicht leisten können.
Der Dauerbetrieb an diesem Gipfel ist zugleich ein Härtetest für die Hardware. Frühe Ausfälle gingen auf die Energieversorgung und den Überspannungsschutz zurück. Behoben wurden sie durch eine verbesserte Erdung und ein überarbeitetes Energiekonzept. Die wiederholten Blitzeinschläge in den Sommern 2025 und 2026 haben die Weiterentwicklung des Schutzkonzepts vorangetrieben. Diese Verbesserungen kommen inzwischen allen exponierten Installationen von AlpGeotech zugute.
Der folgende Abschnitt zeigt eine Übersicht des Standorts, die Anordnung der Messstationen sowie einen Einblick in die Daten.
Referenzen
Barbosa, N., Leinauer, J., Jubanski, J., Dietze, M., Münzer, U., Siegert, F. & Krautblatter, M. (2024): Massive sediment pulses triggered by a multi-stage 130 000 m3 alpine cliff fall (Hochvogel, DE-AT). Earth Surface Dynamics 12(1), 249-269. DOI: 10.5194/esurf-12-249-2024
Barth, H. von (1874): Aus den nördlichen Kalkalpen. München.
Deutscher Alpenverein (2017): Bäumenheimer Weg. DAV Donauwörth.
Leinauer, J., Jacobs, B. & Krautblatter, M. (2020): Anticipating an imminent large rock slope failure at the Hochvogel (Allgäu Alps). Geomechanics and Tunnelling 13(6), 597-603. DOI: 10.1002/geot.202000027
Leinauer, J., Dietze, M., Knapp, S., Scandroglio, R., Jokel, M. & Krautblatter, M. (2024): How water, temperature, and seismicity control the preconditioning of massive rock slope failure (Hochvogel). Earth Surface Dynamics 12(5), 1027-1048. DOI: 10.5194/esurf-12-1027-2024
Wassmann, L. (2025): Development of a geophone-based real-time monitoring system for rockfalls in alpine terrain (Hochvogel). Masterarbeit, Lehrstuhl für Hangbewegungen, Technische Universität München.